beflügelt

Lieben oder essen? – Karnismus verstehen

 

In dem Buch
„Warum wir Hunde lieben, Schweine essen und Kühe anziehen: Karnismus – eine Einführung“,
wirft die Sozialpsychologin Dr. Melanie Joy ein neues Licht auf unsere „Normalität“.
Sie zeigt uns schonungslos die Realität und gibt der grausamen, lebensverachtenden, gewalttätigen Ideologie, nach deren Grundsätzen die meisten Menschen ganz automatisiert leben, einen Namen: Karnismus.

„Fleischesser/in“ oder „Allesesser/in“ zu sein ist keinesfalls weniger ideologisch oder dogmatisch, als Vegetarier/in oder Veganer/in zu sein.
Doch mit einer vollkommenen Selbstverständlichkeit sind wir, was wir als „normal“ ansehen und haben es in den meisten Fällen weder selbst gewählt noch zu irgendeinem Zeitpunkt hinterfragt.
Wir erkennen einfach nichts Erschreckendes oder Ungewöhnliches daran.
Wie aber kommt es, dass wir uns freiwillig von unserer persönlichen Entscheidungsfreiheit und unserem natürlichen Empfinden von Mitgefühl distanzieren?

Dr. Melanie Joy zeigt in 7 Kapiteln wie das System hinter dieser Ideologie funktioniert und welcher Tricks und Abwehrmechanismen es sich bedient, um sich weiterhin allgemeine Unterstützung zu sichern.
Sie beleuchtet jeden einzelnen „konkreten Mechanismus der psychischen Betäubung“: Verleugnung, Vermeidung, Routinisierung, Rechtfertigung, Verdinglichung, Entindividualisierung, Dichotomisierung, Rationalisierung und Dissoziation.

(Ergänzende Hinweise: Ich bin im Folgenden nicht auf alle Mechanismen vollständig eingegangen, da der Artikel sonst zu lang und unübersichtlicher geworden wäre.
Ich habe mich auch nicht an die exakte Reihenfolge im Buch gehalten.
Die beiden im weiteren Verlauf eingefügten Zitate von Mahatma Gandhi, sind kein Bestandteil des Buches, ich emfand sie aber als sehr passend an den jeweiligen Stellen.
Meine verwendeten Bilder zeigen die Bilderbuchwelt von „Schau-Bauernhöfen“.)

Ich möchte euch mit diesem Beitrag einen unmittelbaren Zugang vermitteln, falls ihr es selbst noch nicht gelesen habt.
Denn dieses Buch ist ein direkter und wichtiger Augenöffner, es zeigt die erschreckenden wahren Zusammenhänge unserer bewussten und unbewussten inneren Motivation und hilft tatsächlich zu verstehen,
warum wir tun, was wir tun.
Wieso wir kein Fehlempfinden verspüren, wenn wir uns vollkommen fremdbestimmt, gefühllos und rücksichtslos verhalten.
Wie es uns möglich ist, nichts dabei zu fühlen, wenn wir Jemanden essen.

 

 

Schon die Tatsache, dass wir Tiere in unterschiedliche Kategorien einteilen, verwundert.
Die Einen streicheln, umsorgen und lieben wir, die Anderen essen wir und halten das für vollkommen selbstverständlich.
Doch jeder der ein Haustier hat oder hatte, kennt das Gefühl, es mit einer individuellen Persönlichkeit zu tun zu haben.
Kein Tier gleicht dem anderen, es scheint tatsächlich als hätten auch Tiere Gefühle, Vorlieben und eine eigene Einzigartigkeit. Warum gestehen wir diese Individualität aber den Tieren, die wir als essbar kategorisieren, nicht zu?

Was ist so anders an Hundefleisch, als an Rindfleisch?
Rein physisch betrachtet ist doch beides das Muskelfleisch eines Tieres!?
Dennoch ruft die Vorstellung dieser Tiere in uns vollkommen unterschiedliche Denk-, Gefühls- und Verhaltensmuster hervor. Aber unsere Wahrnehmung von ihnen ist eine Andere, denn sie hängt mit einem verinnerlichten Schema zusammen.
Überall auf der Welt unterscheidet sich allerdings die verhältnismäßig kleine Auswahl der Tiere, die als essbar angesehen werden.
Bei Tieren, die wir als nicht essbar einordnen, haben wir automatisch das lebendige Tier vor Augen und empfinden Ekel, bei der Vorstellung sie zu essen.
Bei Tieren, die wir als essbar einordnen vermeiden wir, sie uns lebendig vorzustellen, denn es würde Empathie und Mitleid auslösen und wir hätten Hemmungen oder würden Unwohlsein verspüren, wenn wir sie verzehren.

Hochwirksame Distanzierungsmechanismen, die moralisches Unbehagen von uns fern halten und gleichzeitig eine psychische und emotionale Distanz aufrechterhalten, sind unter anderem:

Verdinglichung

Tiere wie unbelebte Objekte, also Dinge zu betrachten, ermöglicht uns ihre Körper auch entsprechend zu behandeln.
Sie wird nicht nur hochwirksam in unserem Sprachgebrauch, sondern auch durch Politik, Gesetze und Institutionen legitimiert.
In Wirklichkeit essen wir aber nicht irgendetwas, sondern tatsächlich jemanden.

Entindividualisierung

Ein Tier ist ein Tier und alle Tiere seiner Art sind gleich.
Ein Tier zuzubereiten oder zu essen, „dass man kennt“, stößt allgemein auf Ablehnung.
Der Gedanke an Individualität und Persönlichkeit, nimmt uns die Distanz zu den „Dingen“, die wir essen.

Dichotomisierung

Tiere in Kategorien einzuteilen, ist eine weitere Methode der Rechtfertigung, obwohl es vollkommen willkürlich und irrational ist.
Wie eine Schwarz-Weiß-Zeichnung der Realität.
Ob die Kategorien denen wir die Tiere zuordnen zutreffen, ist hier weniger entscheidend,
als ob wir glauben, dass sie zutreffen.
Mithilfe entsprechender Kategorien können wir unsere Wahrnehmung der Tiere entsprechend anpassen,
so ist es möglich Fleisch zu essen und gleichzeitig unsere Haustiere zu streicheln, ohne uns in irgendeiner Weise bewusst zu sein, was diese Entscheidungen bedeuten…

 

 

Verschiedenen Mechanismen der Wahrnehmungsverzerrung, halten uns also davon ab,
uns mit den Tieren die wir essen, zu identifizieren.
Identifikation ist ein kognitiver Prozess, der abgeschwächt wird, wenn wir Tiere als Ding, Abstraktion oder Kategorien auffassen.
Da unser Denken auch unser Fühlen beeinflusst, empfinden wir umso weniger Empathie gegenüber anderen, desto weniger wir uns mit ihnen identifizieren können.

„So wie der Grad der Identifikation darüber entscheidet, wie viel Empathie wir jemand anderem entgegenbringen, so entscheidet der Grad unsere Empathie zu einem großen Teil darüber, welchen Ekel die Vorstellung in uns auslöst, ihn oder sie zu essen.“

Empathie und Ekel haben eine enge Verbindung.
Das liegt daran, dass Empathie die Grundlage unseres Moralempfindens bildet und Ekel ein moralisches Gefühl ist.

„Eine ungeklärte Lücke im Wahrnehmungsprozess“ ist aber unser „Nichtempfinden von Ekel“, wenn es darum geht, als essbar kategorisierte Tiere zu essen.
„Alles deutet darauf hin, dass dieses Ausbleiben des Ekelgefühls größtenteils, wenn nicht sogar vollständig erlernt ist. Unsere Schemata sind nicht angeboren, sondern konstruiert.“
Uns wird beigebracht nichts zu fühlen.

Scheinbar haben wir nur das Gefühl von Ekel verloren, „doch hinter diesem Ekel verbirgt sich ein Empfinden, das für unser Selbstgefühl sehr viel wesentlicher ist: unsere Empathie.“

Uns Menschen ist es möglich Gedanken und Gefühle anderer nicht nur zu erahnen, sondern auch mitzufühlen.
Weil sich Wissenschaftler inzwischen sicher sind, dass auch einige Tiere Einfühlungsvermögen und Empathie zeigen, ist davon auszugehen, dass die Fähigkeit sich in andere hineinzuversetzen eine biologische Grundlage hat.
Also nicht einfach nur erlernt sein kann, sondern von Genen gesteuert wird, somit bereits angeboren ist.
Unsere Spiegelneuronen, das sind Nervenzellen in unserem Gehirn, die auf Handlungen reagieren, werden unabhängig davon aktiv, ob wir selbst etwas ausführen oder es nur beobachten.
Das heißt, beim Beobachten sind dieselben Hirnregionen aktiv, wie bei der tatsächlichen Handlung.
„Was jemand anderer empfindet, wissen wir also nicht nur, weil wir versuchen uns in seine Lage zu versetzen, sondern bis zu einem gewissen Grad auch deshalb, weil wir buchstäblich dasselbe empfinden.“
Eine natürliche Veranlagung zur Empathie bedeutet, dass Mitgefühl unser Normalzustand ist.
„Keine Empathie zu empfinden würde folglich bedeuten, dass bei uns ein natürlicher Impuls außer Kraft gesetzt wird. Die karnistischen Abwehrmechanismen wären somit gegen unsere Natur.“

Wenn Tiere uns im Grunde nicht egal sind, wir nicht wollen, dass sie leiden, sie aber dennoch essen, besteht eine Diskrepanz zwischen unseren Wertvorstellungen und unserem Verhalten.
Um ihren Verzehr zu ermöglichen und zu rechtfertigen brauchen wir also ein Schema, das das Fleisch bestimmter Tiere in unserer Wahrnehmung, als essbar erscheinen lässt. Dadurch lässt sich auch die Wahrnehmung unseres Verhaltens so verzerren, dass es scheinbar zu unseren Wertvorstellungen passt.

 

 

Durch „das Hauptwerkzeug des Systems“ die psychische Betäubung (eine komplexe Ansammlung von Abwehr- und anderen Mechanismen mit durchdringender, starker und unsichtbarer Wirkung), können wir uns „geistig und emotional vom Erlebten abkoppeln.“
Das ist nützlich, um in einer „Welt voller Gewalt und Unwägbarkeiten zu funktionieren“ oder um Gewalt und ihre Folgen besser bewältigen zu können.
Aber es ist schädlich, wenn sie zur Ermöglichung von Gewalt genutzt wird. Unabhängig davon, ob es in unserer unmittelbaren Umgebung stattfindet, oder so weit von uns entfernt ist, wie die Orte an denen leidensfähige Lebewesen für uns zu Fleisch gemacht werden.

Fleischessen wird einfach als der „Normalfall“ angesehen, vollkommen losgelöst von den Überzeugungen und Wertvorstellungen einer Person.
Es erscheint wie eine Handlung außerhalb jedes Glaubenssystems.
Es wird als keine individuelle Entscheidung, sondern eine Selbstverständlichkeit gesehen,
„als einen Zustand, der immer schon so war und auch immer so sein wird.“
Wenn jede Entscheidung auf eine Überzeugung zurückgeht, warum wird dann die Entscheidung Fleisch zu essen, nicht als eine Entscheidung gesehen?

Es liegt daran, dass das was Dr. Melanie Joy als „Karnismus“ bezeichnet eine spezielle Art von Glaubenssystem ist: eine schwer durchschaubare Ideologie.
Das was wir als Lebensweise der Allgemeinheit, „als Ausdruck universeller Wertvorstellungen“ und als „normal“ ansehen, ist in Wirklichkeit eine so fest etablierte Ideologie, dass sie als Norm gilt und im Wesentlichen unsichtbar ist.
Da sie ihre etablierte Stellung, vor allem durch ihre Unsichtbarkeit bewahren konnte, hatte sie bisher keinen Namen.
Wir können nicht über etwas sprechen, das wir nicht benennen.
Und etwas über das wir nicht sprechen können, können wir nicht hinterfragen.
Doch wir stehen einer Ideologie gegenüber, die nicht nur durch das fehlende Bewusstsein ihrer Existenz schwierig zu hinterfragen ist, sondern auch durch ihr aktives Bemühen, weiterhin unerkannt zu bleiben.

Aber Karnismus ist nicht nur schwer durchschaubar, sondern vollkommen auf physischer Gewalt aufgebaut: es ist eine „gewalttätige Ideologie“- Ohne Gewalt würde dieses System unmittelbar aufhören zu existieren,
denn ohne Schlachtung gibt es kein Fleisch.
„Der Karnismus ist derart gewalttätig, dass die meisten Menschen nicht bereit sind, Zeuge dieser Gewalt zu werden.“ Da es ganz und gar nicht in unserer Natur liegt, andere unnötig leiden zu sehen, kann es verstörende Folgen haben. Wir empfinden Mitgefühl und wollen Niemandem (großes oder unnötiges) Leid zufügen.
Um es „human denkenden Menschen zu ermöglichen inhumane Praktiken zu unterstützen und dabei gar nicht zu bemerken, was sie tun“, funktioniert eine gewalttätige Ideologie nur mit Abwehrmechanismen.
Karnismus ist  dabei nicht nur auf gesellschaftlicher und psychischer Ebene auf Unsichtbarkeit angewiesen, sondern auch auf physische Unsichtbarkeit.
Ihre Gewalt muss sorgfältig vor den Augen der Öffentlichkeit verborgen bleiben.
Hinter hohen Mauern und dicken Wänden, weit weg aus unserem Sichtfeld.

 

„Gutes kann niemals aus Lüge und Gewalt entstehen.“ (Mahatma Gandhi)

 

Wer sich ernsthaft Gedanken über sein Verhalten machen will, kann sich nicht mehr hinter pauschalen Begründungen wie: „Es ist halt einfach so“ verstecken.
Der muss sich der Realität stellen und einen direkten Blick auf die Wirklichkeit werfen.
Denn hinter kulinarischen Vorlieben steckt so viel mehr, als ein natürliches oder persönliches Geschmacksempfinden.

 

 

Da durchschnittlich regelmäßig, mehrmals täglich Fleischwaren und andere tierische Produkte gegessen werden, sind eine Menge Tiere nötig um diesen Bedarf zu decken.
Die Industrie die dahinter steht macht Umsätze im mehrstelligen Milliardenbereich.
Dafür braucht sie aber auch Lebewesen im mehrstelligen Milliardenbereich.
Das Ausmaß ist schier unvorstellbar und die Folgen sind unfassbar.
Wo wir auch hinschauen, Fleisch ist allgegenwärtig.

Aber wo sind all die Tiere?
Wie ist es möglich ein solches Massenprodukt mit geringstmöglichen Kosten und größtmöglichem Gewinn zu erzeugen?
Das funktioniert nur unter unwürdigsten Bedingungen, mit Tieren, die zu reinen Produktionseinheiten degradiert werden.
Unser Fleisch (und auch die anderen Erzeugnisse tierischen Ursprungs), stammt nahezu komplett aus Massentierhaltungsanlagen.
Für diese Tierfabriken ist mehr Tierwohl zu teuer, tatsächlich kostet es weniger, Tiere massenhaft zu erzeugen und den vorzeitigen Verlust zu entsorgen, als sich richtig um sie zu kümmern.
Dieser Millionenfaktor wird in die Produktionskosten einfach einkalkuliert.
„Nicht zuletzt diese Kostensenkungsmaßnahmen machen die moderne Fleischproduktion zu einer der unmenschlichsten Praktiken in der Geschichte der Menschheit.“

Der effektivste Weg zur Verzerrung der Wirklichkeit, ist sie zu leugnen.
Ohne ein Problem brauchen wir auch keine Lösung.
Und ein realer Sachverhalt lässt sich auch am effektivsten leugnen, indem er unsichtbar gemacht wird.
Gewalttätige Ideologien müssen die Bevölkerung vom direkten Kontakt mit den Opfern des Systems abschirmen, um zu verhindern, dass sie das System und  ihre Rolle darin hinterfragen.
Wir sehen all diese Tiere nicht, weil wir sie nicht sehen sollen.

Im Weiteren gibt Dr. Melanie Joy nun einen wahren Blick, auf die Praktiken dieser Massenvernichtungsindustrie frei. Das ist wahrhaftig nichts für schwache Nerven, wie die zahlreichen Dokumentationen von Tierschutzaktivisten immer wieder zeigen.
Auch wenn es nur einen Ausschnitt darstellt ist es unfassbar, erschütternd und entsetzlich verstörend…
Und es betrifft nicht nur die direkten Opfer, sondern auch auf die sogenannten „Kollateralschäden“, alle indirekten Opfer:
Arbeiter in Tier- und Fleischverarbeitungs-Fabriken, deren Anwohner und die umliegende Natur, Fleischkonsumenten, Steuerzahler, die gesamte Umwelt, unbeteiligte Lebewesen…
Weitere unangenehme Nebeneffekte sind: Erosion, Entwaldung, Verlust der Artenvielfalt, Ausstoß von Treibhausgasen, Gifte in verseuchter Luft, Böden und unserem Grundwasser, Trinkwassermangel, Welthunger, eine ungewisse Zukunft und zahlreiche Schäden für die Gesundheit…
Denn nicht zuletzt werden eine Menge Schadstoffe einfach mitgegessen: (künstliche) Hormone, Antibiotika, giftige Pestizide, Herbizide, Fungizide, potenziell tödliche Bakterien- und Virenstämme, Erdöl, vergiftete Rattenleichen und andere Leichenteile, Schmutz, Haare, Kot…
„alles, womit das Fleisch, das wir essen, verseucht ist: von Korruption bis hin zu Krankheiten. Es geht um den Müll eines kranken Systems“

Wie jedes gewalttätige System, braucht der Karnismus die Unterstützung von indirekten Opfern.
Es sind Zufallsopfer, die nicht nur die Folgen tragen müssen, sondern gleichzeitig bereitwillig und unbemerkt Unterstützung leisten, indem sie sich, ohne es zu wissen, selbst zu diesen Opfern machen.

Karnismus zwingt uns also an unserer eigenen Unterdrückung mitzuwirken und dem System die Arbeit abzunehmen, indem wir verleugnen, vermeiden und rechtfertigen.
Wenn unser Verstand im Karnismus gefangen ist sehen wir die Welt  – und uns selbst – durch die Augen des Systems.
Wir verhalten wir uns nicht, wie wir wirklich sind, sondern wie das System uns haben möchte. Denn es braucht passive Konsumenten und keine aktiven Bürger.

Diese Möglichkeit hat es, weil das System als etwas erscheint, dass es nicht ist.
So kommt es, dass wir uns sicher fühlen, obwohl wir in Gefahr sind. Und weiterhin glauben frei zu sein, obwohl wir gezwungen werden.
Denn wir gehen selbstverständlich davon aus, dass Niemand uns wissentlich oder willentlich schaden möchte und somit auch nicht mit krankmachenden oder tödliche Lebensmitteln in Kontakt bringen würde.
Es ist schwer begreiflich, wie in einem scheinbar demokratischen Gefüge, Werkzeuge wie Täuschung, Heimlichkeit, Machtkonzentration und Zwang, so gut bestehen können.
Die Macht weniger Konzerne ist inzwischen sogar so groß, dass selbst der Verbraucherschutz umgangen werden kann.
Die Tierindustrie ist eng mit der Regierung verflochten und ihre finanziellen Möglichkeiten sind der Grund für die großen Überschneidungen zwischen Staat und Wirtschaft.

 

 

„Fleisch steht seit langem für die Freiheit, nach Belieben auszubeuten.“
(Nick Fiddes „Fleisch. Symbol der Macht“ )

 

Um etwas essen zu können, dem wir eigentlich unser Mitgefühl entgegenbringen, müssen wir lernen an eine Reihe von Mythen zu glauben.
So können wir nicht nur unser Verhalten rechtfertigen, sondern auch Widersprüche ignorieren.
Erfindungen werden zu Tatsachen erklärt, um jeden kritischen Gedanken zu unterbinden, der das klar erkennbar machen würde.
Hier kommen „die  drei  N´s zur Rechtfertigung“ ins Spiel: normal, natürlich und notwendig.

Fleischessen ist NORMAL

Eine Ideologie ist normalisiert worden, wenn „ihre Grundsätze gesellschaftliche Normen geworden sind“.
Sie beschreiben nicht nur das Verhalten der Mehrheit, sondern bestimmen auch, wie wir  uns verhalten sollen.
Diese „Normen sind gesellschaftliche Konstrukte“, die dazu dienen das System intakt zu halten, „sie werden von Menschen erschaffen und aufrechterhalten.“
Sie geben uns feste Wege vor und zeigen uns wie wir sein müssen, wenn wir dazugehören wollen.
Der Weg der Norm, ist immer der Weg des geringsten Widerstandes. „Normen halten uns dadurch auf Linie, dass sie Konformität belohnen und uns bestrafen, wenn wir aus der Reihe tanzen. Fleisch zu essen ist sowohl in praktischer als auch in sozialer Hinsicht erheblich einfacher, als keines zu essen.“

 

Gewohnheit versöhnt die Menschen mit jeder Gräueltat
(George Bernard Shaw)

 

Wir folgen dieser Handlungsweise meist unbemerkt, haben uns jedoch nicht bewusst für sie entschieden.
Wir essen Fleisch, ohne eine Ahnung, dass wir nicht nach unserer eigenen freien Entscheidung handeln, sondern uns nach den Grundsätzen eines Systems verhalten, das viele unserer Wertvorstellungen, Vorlieben und Verhaltensweisen bereits vorab für uns festgelegt hat.
Es ist uns auch nicht klar, warum wir „menschliches Leben so viel höher einstufen, als bestimmte Arten von nichtmenschlichem Leben.“
Es erscheint den Meisten sogar, als vollkommen angemessen, unsere „eigenen geschmacklichen Vorlieben wichtiger zu nehmen, als das Überlebensinteresse anderer Arten.“

Fleischessen ist NATÜRLICH

Etwas das seit mindestens 2 Millionen Jahren so ist, das kann doch nur natürlich sein!?
Wir ignorieren dabei gerne, dass die meiste Zeit über pflanzliches den größten Teil unserer Ernährung ausmachte.
Auch Kindstötung, Mord, Vergewaltigung und Kannibalismus gehören mindestens genauso lange zu unserer Geschichte, wären also wie das Fleischessen ebenso „natürlich“, wir lassen dieses Argument aber nicht gelten, um sie zu rechtfertigen…
Wir müssten also beim Fleischessen, wie bei anderen Gewalthandlungen, zwischen natürlich und gerechtfertigt unterscheiden.
Naturalisierung ist die korrekte Bezeichnung für den Prozess „natürlich“ in „gerechtfertigt“ umzudeuten.
„Bei einer naturalisierten Ideologie wird angenommen ihre Grundsätze entsprächen den Naturgesetzen…
In der Naturalisierung steckt die Überzeugung, dass es nur so und nicht anders sein kann.
Fleischessen gehört in dieser Sichtweise schlicht zur natürlichen Ordnung“, so macht sie Ideologien in geschichtlicher, göttlicher und biologischer Sicht unangreifbar, indem sie ihr eine (bio)logische Grundlage liefert. „Viele naturalisierte Verhaltensweisen sind konstruiert, genau wie Normen und es überrascht nicht, dass sie von denjenigen konstruiert werden, die sich selbst an die Spitze der „natürlichen Hierarchie“ setzen.
Der Glaube an die biologische Überlegenheit einzelner Gruppen dient seit Jahrhunderten dazu, Gewalt zu rechtfertigen…Tiere sind „von Natur aus“ dazu da, von Menschen gegessen zu werden.“

Fleischessen ist NOTWENDIG

Diese Überzeugung ist eng mit der „Natürlichkeit“ des Fleischkonsums verknüpft.
„Wenn es aus biologischen Gründen zwingend erforderlich ist, Fleisch zu essen, dann ist es eine Notwendigkeit für das Überleben der Art, also der Menschheit.
Hier bringt sich das „Kernparadox des Systems zum Ausdruck: Töten ist notwendig für das Allgemeinwohl; das Überleben einer Gruppe hängt davon ab, dass eine andere getötet wird.
Durch die Überzeugung Fleisch essen sei notwendig, erscheint das System alternativlos.“
Verstärkt durch weitere Mythen wie:
„Fleisch sei notwendig für unsere Gesundheit“ und „Fleisch sei eine notwendige Eiweißquelle, (einer der gängigsten und wirklichkeitsfremdesten Mythen des Karnismus)“, Fleischessen sei notwendig, „weil die Welt von Schweinen, Hühnern und Kühen überrannt würde, wenn wir jetzt damit aufhören würden.“ Darin „steckt noch ein zweiter paradoxer Mythos, der bei allen gewalttätigen Ideologien eine zentrale Rolle spielt: das Töten müsse weitergehen um alle vorangegangenen Tötungen zu rechtfertigen… Ein weiterer Notwendigkeitsmythos lautet, Töten sei ein wirtschaftliches Erfordernis.“

Die drei N´s werden schon immer genutzt, um jedes System der Ausbeutung zu rechtfertigen, erst nachdem das Systems zusammengebrochen ist, wird erkannt wie lächerlich sie waren.
Sie „sind in unserem gesellschaftlichen Bewusstsein so tief verwurzelt, dass sie unser Handeln steuern, ohne dass wir überhaupt darüber nachdenken müssen. Sie denken für uns.“
So sehr verinnerlicht, dass wir nach ihren Grundsätzen leben, „als wären es allgemeingültige Wahrheiten, nicht einfach nur weit verbreitete Meinungen.“ Sie rechtfertigen nicht nur unser Handeln, sondern mildern auch moralische Zweifel ab. Mit einer guten Entschuldigung fühlen wir uns weniger schuldig, sie funktionieren wie „geistige und emotionale Scheuklappen.“ Wir brauchen eine enorme Energie, um die Wahrheit zu unterdrücken.
„Es erfordert dauerhafte Anstrengungen, die Augen vor dem verschlossen zu halten, was direkt vor uns steht, uns die schreienden Widersprüche zu keiner Zeit bewusst zu machen und unsere wahren Empfindungen unter der Oberfläche zu halten.“ Wir brauchen „regelmäßiges Training um diese Abkoppelung unseres Bewusstseins von unserer Empathie aufrecht zu erhalten.“
Hier kommen die Mythenbildner ins Spiel, in allen Bereichen „unserer Gesellschaft, um sicherzustellen, dass wir alle Informationen erhalten um die drei N´s zu verstärken. Institutionen, die als Säulen des Systems dienen und ihre jeweiligen Vertreter. Wenn ein System fest etabliert ist, wird es von allen wichtigen gesellschaftlichen Institutionen gestützt, von der Medizin, bis hin zum Bildungswesen. Wer könnte uns besser beeinflussen als Einrichtungen und Experten, auf die wir zu vertrauen gelernt haben? Wer könnte uns besser überzeugen, als Menschen in Autoritätspositionen?“
Deshalb geben gewalttätige Ideologien ihren Experten eine Schlüsselrolle. Diese geben die Grundsätze der Ideologie vor: Regeln, Empfehlungen und sind für uns auch Vorbilder in ihrem Verhalten…,indem sie als „Stimme der Vernunft“ auftreten, „rational und gemäßigt“, sie sind „angepasste Kritiker, weil sie dem System dadurch Glaubwürdigkeit verleihen, dass sie die Ideologie als Ganzes unterstützen, gleichzeitig aber einzelne Praktiken davon ablehnen.“

 

 

Damit das System des Karnismus intakt bleiben kann, müssen wir weiterhin glauben „wir seien aufgeklärte Verbraucher und freie Menschen, die in einem demokratischen System leben und ihrem eigenen, freien Willen folgen.“
Denn „die Geschichte zeigt uns immer wieder, dass die Menschen Veränderungen fordern, sobald sie sich einer gewalttätigen Ideologie bewusst werden.“

Es ist tatsächlich so, dass wir unter einem unbemerkten Zwang handeln, denn die meisten von uns würden Tieren niemals willentlich Schaden/Leid zufügen. Gewalttätige Ideologien brauchen aber willige Anhänger und das funktioniert nur, indem „Menschen dazu gezwungen werden, das System zu unterstützen.“
Was wiederum nur funktioniert, wenn der Zwang unbemerkt bleibt.
„Wir müssen glauben, dass wir komplett aus eigenem Antrieb handeln, wenn wir Tierkörper kaufen und verzehren. Wir müssen an dem Mythos vom freien Willen glauben…
Lang angelegte Denk- und Verhaltensmuster, die deutlich älter sind als unsere Fähigkeit zu freiem Handeln, werden zu einem festen Bestandteil unserer Psyche und steuern unsere Entscheidungen wie eine unsichtbare Hand.“

Die Mechanismen des Systems sind in unser Bewusstsein übergegangen, wir haben den Karnismus verinnerlicht.
Karnismus verzerrt die Wirklichkeit.
Der verinnerlichte Karnismus verzerrt unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit.

„Solange wir innerhalb des Systems agieren, ist es unmöglich unseren freien Willen auszuüben.
Ein freier Wille erfordert bewusstes Denken, und die tief sitzenden Denkmuster, von denen wir durchdrungen sind, laufen unterbewusst ab.“
Wir sehen die Welt mit den Augen des Karnismus, solange wir in diesem System gefangen sind.
Erst wenn wir nach der Wahrheit leben, für die wir uns selbst entschieden haben, können wir die Welt wieder mit unseren eigenen Augen sehen.
„Um unsere verlorene Empathie wiederzufinden und Entscheidungen zu treffen, die nicht unseren anerzogenen, sondern unseren wahren Empfindungen und Überzeugungen entsprechen, müssen wir aus dem System ausbrechen.“

 

Der größte Feind des Wissens ist nicht die Unwissenheit, sondern die Illusion, etwas zu wissen. (Stephen Hawking)

 

„Das karnistische System steckt voller Absurditäten, Widersprüche und Paradoxien. Es verschanzt sich hinter einem komplexen Netz aus Abwehrmechanismen, die es uns ermöglichen, Dinge zu glauben, ohne sie je zu hinterfragen, Dinge zu wissen, ohne je darüber nachzudenken und Dinge zu tun, ohne je etwas dabei zu empfinden.
Es ist ein Zwangssystem, dass uns an umständliche geistige Verrenkungen gewöhnt hat, die uns davon abhalten, nach unserer eigenen Wahrheit zu leben… Warum muss das System so einen Aufwand betreiben, um intakt zu bleiben? Ganz einfach: weil uns Tiere nicht egal sind – und weil uns die Wahrheit nicht egal ist. Und: weil das System auf unsere Gleichgültigkeit angewiesen ist und weil es auf Täuschungen beruht.“ Karnismus „kann die Wahrheit nur so lange von uns fernhalten, wie wir es ertragen, mit der Lüge zu leben.“

Erst wenn wir unsere Authentizität wieder wichtiger nehmen, als unser persönliches Vergnügen. Und Integration für uns einen höheren Stellenwert hat, als Unwissenheit, können wir uns von den Widerständen befreien, die uns davon abhalten, Teil einer wichtigen und befreienden Veränderung zu sein.
Der Gedanke an eine Veränderung unsere Ernährungsgewohnheiten erscheint uns zu extrem?
Was ist dann eine korrekte Umschreibung für unsere allgegenwärtige „Normalität“, den Karnismus?

Wir können nicht isoliert vom Rest der Welt existieren, wir sind immer Teil einer Gemeinschaft.
Wenn wir das erkennen, dann können wir es nicht länger rechtfertigen Befürworter eines Systems zu sein, das auf Herrschaft und Unterwerfung basiert.
Wir erkennen, dass auch wir Opfer in diesem System sind. Aber wir können uns lösen von den psychischen Einschränkungen eines Zwangssystems und wieder beginnen unsere Entscheidungen frei und unabhängig zu treffen und mutig einen anderen Weg wählen, als den des geringsten Widerstandes.

 

„Du und ich – wir sind eins. Ich kann dir nicht wehtun, ohne mich zu verletzen.“
(Mahatma Gandhi)

 

„Im Angesicht massenhafter Gewalt fällt auch uns unweigerlich eine Rolle zu: Opfer oder Täter/in?“
Jeder Beobachter bekennt sich durch sein Handeln oder Nichthandeln zwangsläufig für eine Seite,
denn es gibt keine „moralische Neutralität“.
Aber wir haben jederzeit „die Möglichkeit, uns selbst für eine Rolle zu entscheiden, anstatt sie uns von anderen zuweisen zu lassen.“
Die Unsichtbarkeit des Karnismus verschwindet Stück für Stück.
Die Tierindustrie kann ihre Geheimnisse immer schwieriger vor der Öffentlichkeit verbergen, dank vieler mutiger Menschen, die ihre wahre Überzeugung leben und einen positiven Unterschied machen in dieser Welt.

„…Wir sind alle Teil der großen Wunde, nur dass die einen etwas fühlen und die anderen betäubt sind. Wir sind mittendrin in dem was wir verändern müssen.“  (James O´Dea)

 

 

 

 

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